NICHT REDEN, SONDERN HANDELN
Die Gründerzeit der GAB

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Franz Schaible, Begründer, Ideengeber und Motor der GAB, hatte ein Schlüsselerlebnis. 1971 stand der gelernte Schlosser kurz vor dem Abschluss seines Studiums zum Sozialarbeiter. Als seine Tochter geboren wurde und die BaFöG-Unterstützung für zwei Erwachsene und ein Kind auch bei größter Sparsamkeit nicht ausreichte, beantragte Franz Schaible beim Kreis Paderborn Sozialhilfe. |
„Es ging um ganze 150 Mark im Monat - und auch nur für ein paar Monate“, erinnert er sich. Doch er handelte sich eine Ablehnung ein. Er habe schließlich einen Beruf, mit dem er direkt Geld verdienen könne, hieß es. Er müsse gefälligst sein Studium abbrechen und wieder als Schlosser arbeiten.
„Diese Situation hat mich geprägt. Ich weiss, wie das ist, wenn man gegenüber Behörden zum Bittsteller wird."
Dass er dennoch sein Examen machen konnte, verdankt er einer Dozentin mit guten Kontakten zur Paderborner Sozialbürokratie. „Sie hören nicht auf“, erklärte die Rektorin ihrem ziemlich verzweifelten Studenten, der sich exmatrikulieren lassen wollte, und sorgte auch gleich dafür, dass ihm der Zuschuss vom Amt dennoch gewährt wurde. Anschließend, als Sozialarbeiter bei der Stadt Kassel, kümmerte sich Schaible um schwierige Jugendliche, dann um Obdachlose. Es ärgerte ihn immer wieder, dass er für seine Schutzbefohlenen um jeden zusätzlichen Pfennig kämpfen mußte. Verwaltungsleute, die von Sozialarbeit keine Ahnung hatten, mußten langwierig von der Notwendigkeit überzeugt werden und trafen Entscheidungen am grünen Tisch. „Bürokratische Strukturen behindern eine effektive Sozialarbeit, in den Kommunen wie bei den Wohlfahrtsverbänden“, lautete damals Schaibles Fazit.
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Das wollte er ändern. Um dafür das nötige Fachwissen zu bekommen, begann er, in Bielefeld Soziologie mit dem Schwerpunkt „Organisationsanalyse und –entwicklung“ zu studieren. Die intensive Beschäftigung mit dieser Materie ließ ihn zu der Einsicht kommen, dass das Aufbrechen fest gefügter bürokratischer Strukturen unendlich viel Zeit kostet und Erfolge lange auf sich warten lassen, wenn sie denn überhaupt kommen.
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Franz Schaible damals
Seine Erkenntnis: „Es ist leichter, eine neue Organisation zu gründen und sie von vornherein so zu strukturieren, dass sie dauerhaft ihr Innovationspotential behält, und das mit einer dezentralen Organisationsstruktur und einer starken Mitbestimmungskomponente, die Kreativität und Engagement der Mitarbeiter fördert.“ Gleichzeitig entschied er sich, seine ganze Kraft künftig zur Lösung des aktuell dringendsten gesellschaftlichen Problems einsetzen: der Arbeitslosigkeit.
„Jetzt oder nie“ sagte sich der frischgebackene Diplom-Soziologe im Jahr 1979 und machte sich daran, seinen Traum von einem eigenen Wohlfahrtsverband zu verwirklichen, zunächst in Form einer gemeinnützigen GmbH. „Ich hatte mich schließlich im Studium schon daran gewöhnt, karg zu leben“, erzählt er.
Und schon stand er vor einer dicken bürokratischen Hürde. „Eine gemeinnützige GmbH - das ist uns noch nie begegnet“, hieß es bei der Finanzverwaltung. Er möge bitte das Vorhandensein solcher Gesellschaften nachweisen und außerdem die Gemeinnützigkeit seiner Satzung per Rechtsgutachten belegen. Schaible ging in der Uni Klinken putzen. Soziologieprofessor Karl Krahn vermittelte ihn schließlich an den Kollegen Westermann von der juristischen Fakultät, einen bekannten Experten in Sachen Gesellschaftsrecht. Der erstellte eine neue Satzung, während der Rechtswissenschaftler Weber das Gutachten verfaßte. Beide taten dies sogar kostenlos. Dennoch prüfte die Behörde ein halbes Jahr, bevor sie endlich ihren Segen erteilte.
Karl Krahn, heute Vorstandsvorsitzender der „Stiftung Solidarität bei Arbeitslosigkeit und Armut“ und Mitglied der GAB-Gesellschafterversammlung, verhalf seinem Diplomanden auch zu dem nötigen Startkapital von 5000 Mark. Er besorgte Franz Schaible einen Drei-Monats-Job beim Kölner ISO-Institut: als Experte für gewerbliche Arbeitnehmerüberlassung. Das paßte bestens, denn genau zu diesem Thema hatte er seine Examensarbeit geschrieben. Nun hatte er die Aufgabe, dazu Fakten für die Bundesregierung zu einem Bericht an den Bundestag zusammen zu stellen. Für den Einsatz in Köln gab es nicht nur Honorar, sondern auch Spesen. Um jeden Pfennig zu sparen, schlief er im Instituts-Büro, heimlich.
Zurück in Bielefeld knüpfte Franz Schaible Kontakte zum damaligen Arbeitsamtsdirektor Werner Boll, einem konservativen Mann, der neue Wege suchte, Langzeitarbeitslose wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Schaibles Angebot, ältere, schwer vermittelbare Arbeitslose bei der GAB anzustellen und dann zwecks Erprobung an Firmen auszuleihen, fand er höchst interessant und förderungswürdig. Allerdings müsse das Landesarbeitsamt zustimmen. Und das sagte „ja“, denn zufällig war Schaible für seine Diplomarbeit mit dem Förderpreis der Bundesanstalt für Arbeit ausgezeichnet worden. Danach beschäftigte die GAB fünf Jahre lang ständig mindestens zehn ältere Arbeitslose. Die wissenschaftliche Begleitung des Projektes zeigte, dass viele die Chance nutzten, ihr Können unter Beweis zu stellen und binnen kurzer Zeit fest übernommen wurden.
Arbeitslose allein verlieren schnell den Mut und das Selbstbewußtsein. Sie brauchen die Möglichkeit, sich im Kreise von Betroffenen auszutauschen, brauchen aber auch Beratung und Fortbildung. Franz Schaible ging daran, in Bielefeld ein Arbeitslosenzentrum mit eigenen Werkstätten und einer Kantine aufzubauen, wiederum mit Unterstützung von Arbeitsamtsdirektor Boll. Ende 1982 stellte die Stadt ein heruntergekommenes Fabrikgebäude an der Jöllenbecker Straße zur Verfügung, das mit vereinten Kräften umgebaut wurde.
Schritt für Schritt kamen weitere Projekte hinzu: 1985 ein Bürotel als Ausbildungs- und Schulungsort für Bürokräfte und als Startbasis für Existensgründer; ausbildungsbegleitende Hilfen - zunächst in Eigenregie an den Carl-Severing-Schulen, dann allgemein im Auftrag der Arbeitsverwaltung; das Dritte-Welt-Projekt mit Aufarbeitung von Krankenhaus-Inventar, Werkzeug und Maschinen; Recycling von Waschmaschinen und anderen elektrischen Haushaltsgeräten; Gebrauchtartikel-Börse, Mütter- und Babycenter mit Gebrauchtartikel für Schwangere und Kleinkinder.
Aus dem Papierrecycling, einst als ABM-Projekt gestartet, wurde binnen weniger Jahre eine wirtschaftlich selbständige Einheit: als gewerbliche GmbH eine sichere Einnahmequelle, mit deren Hilfe Finanzierungslücken in anderen Projekten aufgefüllt werden können.
Als Hecht im Karpfenteich der Wohlfahrtsverbände sorgte Franz Schaible für Aufregung, als er 1986 die erste Eurobutter, das erste Euro-Fleisch aus den überfüllten Tiefkühllägern der Europäischen Gemeinschaft nach Bielefeld holte. Er hatte es schon an sozial Benachteiligte weitergereicht, als die anderen Verbände noch überlegten, wie dies organisiert werden könnte. Den ersten GAB-Ableger gründete Franz Schaible 1987 in der Nachbarstadt Detmold.
Die Mauer war gerade gefallen, da machte er sich schon auf, in der noch existenten DDR zu helfen: Altenheime und Krankenhäuser - meist in traurigem Zustand - wurden mit aufgearbeiteten Möbeln, Pflegebetten, Operationstischen, Großküchen und Geräten aus dem Dritte-Welt-Projekt ausgestattet. Hilfe aus Bielefeld ging nach Dessau, Glauchau, Pösneck, Protzen, Berlin, Weimar, Magdeburg. Nach der Wiedervereinigung entstanden an vielen Orten binnen kurzer Zeit eigene GAB-Ableger - immer mit eigener Gebrauchtartikelbörse und verbunden mit einem „Dritte Welt-Hilfsprojekt“.
Bald streckte die GAB ihre Fühler noch weiter nach Osten aus: nach Kaunas in Litauen, der Partnerstadt das Kreises Lippe. Anfangs übernahm der noch die Transportkosten für die Hilfsgüter, zog sich aber bald ganz zurück. Franz Schaible gelang es dennoch immer wieder Spenden für weitere LKW-Fahrten aufzutreiben. „Wir können die Leute doch nicht im Stich lassen“, lautet seine Devise, nach der er auch verfährt, wenn es um Nowgorod oder die Region Tschernobyl geht.
Für die Stadt Bielefeld übernahm die GAB die aktive Unterstützung des Wiederaufbaues in der bosnischen Stadt Odzak, aus der viele Flüchtlinge stammten, die in Bielefeld Aufnahme gefunden hatten. Der Aufbau kommunaler Strukturen - Schule, Krankenhaus, Verwaltung - sollte ihre Rückkehrbereitschaft fördern, ausdrücklich im Interesse auch der kroatischen bzw. bosnischen Bürger.
Als die ersten Berichte über die Not der Kosovo-Flüchtlinge in Albanien über die Bildschirme flimmerten, ließen sich Franz Schaible und seine MitarbeiterInnen sofort etwas einfallen. Sie bauten Kontakte zu einer verläßlichen albanischen Partnerorganisation auf und schickten über Italien mehr als 20 LKW voll Hilfsgüter. Nicht lange reden, sondern schnell handeln, lautete ihre Devise. Wie so oft in den vergangenen Jahren.
Bundesverdienstkreuz für Franz Schaible
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Im Februar 2002 erhält Franz Schaible das Bundesverdienstkreuz und den "Preis für Bürgersinn".
"Sie haben sich durch die Unterstützung von in Not geratenen Menschen auszeichnungswürdige Verdienste erworben", betonte Oberbürgermeister Eberhard David in der Feierstunde zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes im Bielefelder Rathaus.
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25 Jahre GAB Bielefeld
Bildimpressionen zum 25-jährigen Bestehen der GAB Bielefeld.
Neue Westfälische: 25 Jahre Gesellschaft für Arbeits- und Berufsförderung (GAB): Die soziale Landschaft bereichert . "Unkonventionelle Ideen, Kreativität und Willensstärke."
Westfalen-Blatt: Unkonventionell in Idee und Ausführung
Berichte
Regine-Hildebrandt-Preis 2005 an Geißler und Schreiner
NW-Bericht v. 27.05.2006: "Jeder Mensch verdient zweite Chance"- Franz Schaible spricht im Brackweder Erzählcafé
Regine-Hildebrandt-Preis 2006 an den Verein Neue Arbeit in Chemnitz und an den Förderverein Gewerkschaftliche Arbeitslosenarbeit in Berlin
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